• Domplatz
    5020 Salzburg
     

     LEADING TEAM
    Brian Mertes, Julian Crouch, Regie
    Julian Crouch, Bühne, Masken und Puppen
    Olivera Gajic, Kostüme
    Martin Lowe, Musikalische Leitung, Orchestrierung
    Dan Scully, Licht
    Jesse J. Perez, Choreografie


    BESETZUNG
    Tobias Moretti, Jedermann
    Stefanie Reinsperger, Buhlschaft
    Peter Lohmeyer, Tod
    Hanno Koffler, Teufel/Jedermanns guter Gesell
    Christoph Franken, Mammon
    Mavie Hörbiger, Werke
    Johannes Silberschneider, Glaube
    Edith Clever, Jedermanns Mutter
    Hannes Flaschberger, Dicker Vetter
    Stephan Kreiss, Dünner Vetter
    Fritz Egger, Ein Schuldknecht
    Eva Herzig, Des Schuldknechts Weib
    Roland Renner, Ein armer Nachbar
    Sigrid Maria Schnückel, Der Koch
    Nikolaus Rucker, Gott
    Ensemble 013
    INFORMATION
    Neueinstudierung

    ZUR INSZENIERUNG
    „Und laßt uns nun die Reis antreten“
    Die Berliner Uraufführung des Jedermann von Hugo von Hofmannsthal im Zirkus Schumann
    in Berlin am 1. Dezember 1911 polarisierte sowohl Publikum als auch Kritik. Der Journalist
    Siegfried Jacobsohn etwa seufzte: „Hätte er sich nur auch das richtige Publikum gesucht und
    es in das richtige Haus gesetzt!“ Am 22. August 1920 wurde sein Wunsch erhört. Mit dem
    Transfer des Jedermann von Berlin nach Salzburg, vom Zirkus auf den Domplatz, fand die
    Inszenierung von Max Reinhardt ihre Bestimmung.
    „So stellten wir ein einfaches Brett vor dem Dom auf und spielten auf ihm, ohne alle
    Requisiten, im vollen Licht des Tages. Ohne die Hilfe der Dunkelheit, in der man
    Lichteffekte erzeugen und die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf jeden beliebigen Punkt
    konzentrieren kann, spielen wir dieses Spiel, in dem Begriffe personifiziert werden. Begriffe
    wie der Glaube, die guten Werke, das Geld. Die Zufälligkeiten des Tages, der Flug der
    Tauben, das Gewitterige der Atmosphäre schieben sich in unser Spiel und verleihen ihm
    einen eigenartigen immer wechselnden Zauber. Das Brett, die Bühne, auf der wir spielen,
    wird losgelöst von allen andern – der Zuschauer führt wirklich selbst jene Konzentrierung im
    vollen Licht des Tages durch, die wir von ihm verlangen und die ihm durch Jahrhunderte
    verloren gegangen war“, beschrieb Max Reinhardt seine Anfänge auf dem Domplatz.
    Nach über 650 Vorstellungen in einem knappen Jahrhundert ist der Jedermann zentraler
    Bestandteil der DNA der Salzburger Festspiele und schreibt seine Historie in einem fort, ein
    singulärer Vorgang im deutschsprachigen Theater.
    Konzipiert als Wiederbelebung einer mittelalterlichen Moralität nach dem Vorbild des
    englischen Everyman, angereichert durch Hecastus von Hans Sachs und anderen Quellen,
    schreibt Hofmannsthal über Jahre in einem Europa der kulminierenden Konflikte an seinem
    Jedermann. Im Kopf immer eine mögliche Umsetzung durch Max Reinhardt: „Trug man, mit
    vergehenden Jahren, das Wesentliche dieses dramatischen Gebildes stets in sich, zumindest
    im Unterbewusstsein, so regte sich allmählich Lust und Freiheit, mit dem Stoff willkürlich zu
    verfahren. Sein eigentlicher Kern offenbarte sich immer mehr als menschlich absolut, keiner
    bestimmten Zeit angehörig, nicht einmal mit dem christlichen Dogma unlöslich verbunden;
    nur dass dem Menschen ein unbedingtes Streben nach dem Höheren, Höchsten dann
    entscheidend zu Hilfe kommen muss, wenn sich alle irdischen Treuund
    Besitzverhältnisse
    als scheinhaft und löslich erweisen, ist hier in allegorischdramatische
    Form gebracht, und
    was gäbe es Näheres auch für uns?“
    Das Wagnis, das Hofmannsthal hier explizit beschreibt, frei mit dem Stoff zu verfahren und
    seine thematische Rückführung auf einen Kern, der weder zeitlich noch dogmatisch
    gebunden ist, bildet das ideologische Kraftzentrum des Jedermann. Diese Keimzelle macht
    es möglich, die Allegorien des Jedermann künstlerisch immer wieder neu zu fassen und zu
    interpretieren. Gleichzeitig birgt sie Chance und Aufforderung, sich den zentralen Fragen
    des Spiels vom Sterben des reichen Mannes aus dem jeweiligen historischen Blickwinkel zu
    stellen.
    Generationen von Zuschauern haben den Jedermann in der Übung der Ars moriendi
    beobachtet, die Buhlschaft in der Ars vivendi. Mammon, Teufel, Werke, Glaube, Gott und
    Tod entstammen einem Denken, das die gesellschaftliche Hierarchie zementiert hat. Durch
    die allmähliche Lösung dieser Fesseln hat sich das JedermannPersonal
    ebenso gewandelt
    wie unser Verhältnis zu ihm. Geblieben ist ein Akt der Empathie, ein Aufruf zur Wachsamkeit,
    eine Reflexion über Zugehörigkeiten, die Frage nach der grundsätzlichen
    Standortbestimmung. So muss jede Gegenwart ihren Jedermann finden, gleichsam
    herausleuchten aus dem Zeitenlauf.
    Eine weitgehend neue Besetzung wird in der Inszenierung von Brian Mertes und Julian
    Crouch den Domplatz zu ihrer eigenen Bühne machen.

    (Quelle: Salzburger Festspiele 10.11.2016)